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Interview mit Kenneth Kronenberg
geführt im Februar 1997 von Birgit Pauli-Haack
Teil III



Shoah Project: In Deutschland sind revisionistische Äußerungen von neoNazis
verboten, in Amerika nicht. Was meinen Sie dazu?

Kronenberg:
In Deutschland hat die Generation der Täter, wie wir wissen, sehr viel
verschwiegen. Ihre Kinder habe oft wohl gespürt, daß etwas nicht stimmte,
konnten aber keine Fragen stellen, ohne dem Vorwurf Nestbeschmutzer und
Familienverraeter zu sein ausgesetzt zu werden. Das hat schwere
Konseqünzen, wenn man als Kind ständig eine Lüge schlucken muß. Manche
haben sich abgemauert; viele fragen: Wann wird es zu Ende sein? Schwierig
ist es auch, wenn man ohne eine verwendbare nähere Geschichte aufwächst,
auf die man sich berufen kann. In letzter Zeit habe ich einer Brandeis
University Dialoggruppe beigewohnt, wo es um die Frage ging: Wie fühlen
sich die Jugentlichen als Deutsche? Die deutschen Studenten sagten fast
alle, daß sie sich ihres Deutschseins schämten und fingen dann an zu
weinen. Sie sagten aber auch, daß sie das in Deutschland nie gestehen
könnten; diese liebenswerte Kinder mussten also nach Amerika kommen und in
Gegenwart ihrer neuen jüdischen Freunden sich dieser Last entladen.

Ich will nicht sagen, daß der Verbot dafür verantwortlich ist; dafür ist
die Sache viel zu kompliziert und persoönlich bedingt. Aber, ich glaube
trotzdem, daß der Verbot, von dem Du geschrieben hast, seinen Anteil dazu
beigetragen hat, denn er hat es leicht gemacht, die ganze Sache zu
unterdrücken. Es muß zugegeben werden, daß in Deutschland viel mehr über
diese Zeit gerungen wurde, als anderswo (z.B. in Österreich). Nur wenig in den
Familien, wo es eigentlich darauf ankommt. Natürlich, wenn dieses Verbot
aufgehoben würde, würde es auch zu Unannehmlichkeiten kommen. Aber dann
wären diese Geheimnisse wenigstens ans Tagelicht gebracht.

Mich interessieren zur Zeit ältere Menschen, die die Nazizeit als Täter
oder Mitläufer mitgemacht haben, und die mit annäherndem Tod sich Gedanken
über die Bedeutung ihres Lebens machen. Die Kameraden, die man schützen
mußte, sind zum größten Teil schon Tod. Irgendwie müssen sie mit dem, was
sie getan haben, fertig werden. Es gibt solche, die sich so weiterentwickelt
haben und gewachsen sind (zu erwähnen ist ein Artzt, der in Auschwitz tätig
war).

Shoah Project: Was koennte man Ihrer Meinung
nach noch unternehmen, damit
Neonazis das Netz nicht für ihre menschenverachtende Parolen
benutzen?

Kronenberg: Sehr wenig. Wir sollten nicht in Versuchung kommen, so undemokratisch zu
sein wie sie es sind. Du hast recht: Die Neonazis sind menschenverachtend.
Das duerfen wir aber nicht sein. Ich glaube, dass die Aeusserungen der
Neonazis uns herausfordern und die Moeglichkeit geben mit den Mitbuergern
ins Gespraech zu kommen. Wenn wir uns nur auf Regel und Gesetz stuetzen,
werden weder die Gedankenwelt aus der die Neonazis schoepfen blosgestellt
noch die Auesserungen widerlegt. Sie stellen uns eine Aufgabe, die Ihr mit
Eurem Webunternehmen aufgenommen habt. Mir gibt das sehr viel Hoffnung.
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